Donnerstag, 12. Juni 2014

Seite 14: Kapitel 01.02 – dritter Abschnitt

Wieder ein Wort, welches ich bis heute eigentlich nie wirklich wahrgenommen haben:

Übersensibilität.

Was für ein Wort. Da kommt man sich ja wie ein Weichei vor, im ersten Augenblick des Gedankens auf jeden Fall. Zwei Sekunden später ist mir klar: ich kann ja gar nichts dafür. 

Es ist wie es ist.

Lärm zum Beispiel: Einerseits kann ich mit Lärm nicht wirklich leben, weil es mich einfach stört und ich dabei oft das Gefühl habe, meine eigenen Gedanken nicht hören / lesen / fühlen zu können, auf der anderen Seite mag ich Lärm auch nicht, weil ich ja niemanden stören will. Soll heissen: ich habe immer das Gefühl, wenn ich zu laut bin, sei es auch nur mit der Tastatur, könnte sie jemand gestört fühlen und mit mir eine Diskussion anfangen wollen, böse auf mich sein, sogar wütend und mich dann zusammenstauchen. Das ich dem aus dem Weg gehen will, ist ja sicher verständlich.

Es gibt Tage, da meint es meine Nase viel zu gut mit mir. Da rieche ich Dinge / Gerüche, die andere kaum wahrnehmen. Teilweise muss ich mich dann an einen anderen Ort flüchten, um wieder durchatmen zu können.
Es gibt auch Gerüche, bei denen es mir schlicht und ergreifend einfach übel wird, bis zu dem Punkt, wo ich mich beinahe übergeben muss. Kein wirklich tolles Gefühl. Ich spreche nicht nur von müllartigen Gerüchen, es gibt auch Parfüms, die diese Wirkung auf mich haben, oder irgendwelche Schminke. Das ist auch der Grund, warum mir Frauen mit zu viel Kriegsbemalung nicht zu nahe kommen dürfen und, wenn sie es doch machen, werfe ich so viele schlechte Scherze über das Schminken, das Alter und so weiter in die Waagschale, bis sie die Flucht ergreifen. Natürlich könnte auch ich mich zurückziehen, aber, he, ich bin ja nicht der, der mit der Schminke um sich wirft. Ich bin ja nicht der, der meint von einem Indianerstamm abzustammen. Wobei ich mich gerade frage: das mit dem Schminken, das hat sicher etwas mit Kriegsbemalung zu tun? Anders kann ich mir das nicht wirklich vorstellen.

Das mit dem Geruch hat schon ab und zu, zu gewissen Problemen geführt.
Ich kann mich an eine Diskussionsrunde erinnern, als ein übler Geruch mich die ganze Zeit so abgelenkt hat, dass ich mich keine zwei Sekunden auf das Thema habe konzentrieren können. Den anderen hat es nicht wirklich viel ausgemacht. Die meinten, ich soll mich nicht so benehmen, so schlimm würde es ja auch nicht duften, aber eben, für mich war es doch wenig zu viel.

Auch der Lärm. Eine der absoluten Horrorvorstellungen für mich: in einem Grossraumbüro ein Telefonat zu führen. Immer, immer, immer, immer und immer wieder stelle ich mir diese eine Frage: wie machen das meine Mitmenschen?

Während ich so ein Telefonat führe, habe ich oft das Problem, nicht alles mitzubekommen. Das führt dazu, dass ich ab und zu das Telefon nehmen muss, um an einen ruhigeren Ort zu wechseln. Warum? Damit ich alles mitbekomme und es nicht zu Missverständnissen kommt.

Es ist für mich schon schwer genug, ohne den Lärm alles zu verstehen, was gesagt wird, da ich immer wieder gewisse Sachen für mich selber übersetzen muss, oder ich ab und zu gezwungen bin, nachzufragen, ob ich das Gesagte richtig verstanden habe. Aber, es gibt halt auch Tage, da traue ich mich nicht nachzufragen, weil ich das Gefühl habe, mein Gegenüber würde dann denken, ich sei blöd, langsam oder was auch immer.

Kleider.

Um es kurz zu machen: ich trage gerne immer die gleichen Kleider und das so lange, bis es mehr Löcher als Stoff hat.

Auch mit den Schuhen gehe ich so weit: erst wenn die Sohle zur Hälfte runter ist, gehe ich mir neue Schuhe kaufen. Aber, da liegt das Problem sicher auch daran, dass ich mich in der grossen weiten Welt nicht wirklich wohl fühle, immer wieder mit Angst- und Panikzustünden zu kämpfen / leben / diskutieren habe.
Einschub:

Wie habe ich es eigentlich geschafft, bis heute zu überleben?

Das muss ein Höllenjob gewesen sein. Habe ich irgendwelche Drogen genommen? Nein, eigentlich nicht, oder? Oder hat mir jemand Drogen eingeworfen, ohne dass ich es bemerkt habe?

Es ist doch so .. ich lebe noch .. aber ….. warum eigentlich.

Bei all den Gedanken zum Thema Selbstmord, ist die Frage doch noch berechtigt.

Dann wären noch die zwei, wenn auch halbherzigen, Versuche, meinem Leben ein Ende zu bereiten.
Und, ich lebe noch. Bin noch da. Was da auch immer heissen mag und zu bedeuten hat.

Ich wandere noch immer über diesen Planeten. Obwohl ich keine Ahnung habe, wo der Anfang war, wo ich gerade bin und wohin ich gehen werde und, wohin ich eigentlich gehen soll.

Noch immer stolpere ich jeden, fast jeden Tag, über Menschen, zwischen Menschenmassen hindurch und kämpfe noch immer, jedesmal, mit der Angst und der Angst vor der Panik, die mich da draussen, unter all den Menschen, ergreifen könnte.

Jeden Tag stelle ich sie mir.

Die Frage.

Diese eine, von vielen, Frage: warum nehme ich das noch immer alles auf mich? Es gibt doch wirklich keinen echten guten und vernünftigen Grund, warum ich das auf mich nehmen muss und soll.

Es kann mir wirklich keiner und keine mit gutem Gewissen sagen, dass das Leben nur auf diese Art und Weise einen Sinn ergibt.

Vielleicht ist es aber auch so, dass es mir einfach nicht möglich ist, den Sinn des Lebens zu sehen. Vielleicht sehe ich ihn zwar, aber nur im Sinne von übersehen.
Warum lebe ich eigentlich noch?

Inzwischen habe ich schon so oft über das Thema sich selber aus dem Spiel nehmen nachgedacht und so viele Methoden entwickelt, wie ich mich selber auf Off stellen kann, dass ich ein Buch zu diesem Thema schreiben könnte, das mehr Seiten hätte, als The Stand von Stephen King.

Eigentlich könnte ich eine Hotline auf die Beine stellen, wo die anrufen können, die noch den einen oder anderen Tippen gebrauchen könnten zum Thema: wie gebe ich mein Leben am besten auf.

Also gut, ja, das zwar jetzt gerade doch ein wenig zynisch, sogar für meine Verhältnisse. Obwohl, für eine Verhältnisse? Ja, doch, auf für meine Verhältnisse.
Ich merke gerade, dass ich noch immer nicht weiss, warum es mich noch gibt. Was ich hier eigentlich mache und warum ich das mache, von dem ich keine Ahnung habe, warum ich es mache.

Was für ein Leben. Ich würde es gerne einmal, für ein zwei oder drei Tage gegen ein normales (in meinen Augen normales) Leben eintauschen, um mich ein wenig zu erholen und ein wenig zu chillen.


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